Was für ein froher Freitagmorgen in unserem bächle-&-spree-Café: Viele Teilnehmende aus Kommunen, kommunalen Verbänden, interkommunalen Netzwerken und Landratsämtern – und ein Gast, der gleich mehrere Perspektiven vereint. Philipp Saar ist Kommunal- und Strategieberater, Bürgermeister a.D. und war ehem. Vizepräsident des Städtetags Baden-Württemberg. Man merkt ihm an: Kommunalpolitik ist für ihn nicht „Verwaltungsebene“, sondern Umsetzungskunst – also genau das, was am Ende tragen muss, was in Berlin, Brüssel oder Stuttgart beschlossen wird.

Zum Einstieg ging es kurz persönlich los: ländlicher Raum, Freiburg, Berlin – und dann der Sprung in die kommunale Praxis. Philipps Motivation fasste er sinngemäß so zusammen: Er wollte nicht nur über Politik reden oder an Gesetzen „andocken“, sondern Politik auch selbst machen. Diese Mischung aus Bundes-/Landesblick und kommunaler Realität hat den Ton für die ganze Frohe Stunde gesetzt. Nach einem Überflug über seinen bisherigen Weg, direkt der Sprung in die kommunale Praxis.

Koalitionsvertrag BW: Gute Ideen – aber entscheidend wird das „Doing“

Philipps erster Eindruck vom Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung Baden-Württemberg war differenziert und erstaunlich optimistisch: Man spürt, dass Verwaltungsmodernisierung, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) als strategische Hebel verstanden werden.

Der Vertrag setzt den Ton gleich im Grundsatzkapitel zur Staatsmodernisierung: Gefordert werden „schnellere und proaktive Verwaltungsentscheidungen“ sowie ein „lösungsorientierter, bürgernaher und digital zugänglicher Service“.

Und er benennt sehr deutlich, dass Staatsmodernisierung ohne kommunale Ebene nicht funktionieren wird: „Staatsmodernisierung wird nur mit handlungsfähigen Kommunen gelingen“.

Genau daran knüpfte Philipp an – mit einem Prüfstein, der sich durch den ganzen Talk zog: Welche Entlastung und welchen Mehrwert bringt das am Ende für Kommunen und Landkreise – ganz konkret im Alltag? Denn: Ideen sind oft gut gemeint. Ob sie gut gemacht sind, zeigt sich erst im Betrieb.

Digitalministerium? (Noch) nicht – aber eine starke Personalie

Ein Punkt, der früh diskutiert wurde: Warum gibt es in Baden-Württemberg (zunächst) kein eigenes Digitalministerium? Philipp war hier nüchtern: Bei Ressortzuschnitten spielen neben fachlichen Argumenten oft auch klassische Faktoren mit rein – Proporz, Regionen, Zuständigkeiten, Personalfragen. Was genau den Ausschlag gegeben hat, werde sich erst in den nächsten Monaten klarer zeigen.

Positiv bewertete er aber deutlich: die Personalie Ronja Kemmer, die das Thema im Land verantworten soll. Eine fachlich versierte Bundestagsabgeordnete, mit viel Erfahrung und Weitsicht. Und gleichzeitig immer wieder sein Verweis: Eine Personalie allein reicht nicht. Entscheidend wird, ob der passende Unterbau entsteht – und ob dort Menschen arbeiten, die kommunale Realität wirklich kennen. Es wird auch darum gehen die Ressorts im Ministerium zu bündeln und schlagkräftig aufzustellen.

Der zentrale Punkt: Verwaltungsdigitalisierung ist kein IT-Projekt, sondern Führung + Organisation

Eine der wichtigsten Linien des Gesprächs war Philipps Perspektive auf das, was in der Praxis oft schief läuft:

  • Digitalisierung wird in Organisationen häufig als reines IT-Thema behandelt.
  • „Wir haben jetzt iPads im Gemeinderat“ ist keine Verwaltungsdigitalisierung.
  • Ein Online-Formular ist noch kein digitaler Prozess, wenn es im Bürgerbüro am Ende wieder ausgedruckt wird.

Der Kern ist für Philipp deshalb ein anderer: Die größte Herausforderung ist nicht die Technik – sondern der Change-Prozess in der Verwaltung. Wie bekommt man Veränderung so organisiert, dass Mitarbeitende mitgehen, Zuständigkeitsdebatten nicht alles ausbremsen – und am Ende wirklich mehr Zeit für Bürgerinnen und Bürger entsteht?

Spannend war: Genau diese „Change-Brille“ findet sich auch im Koalitionsvertrag wieder. Dort steht wörtlich: „Verwaltungsmodernisierung beginnt in den Köpfen“ – und weiter: „Führung ist der Schlüssel, um eine erfolgreiche Verwaltung zu gestalten“.

Strukturen und Plattformen: Architektur ist zweitrangig – Ergebnis zählt

In der Diskussion um Strukturen (Stichwort zentrale Plattformen/Einheiten) brachte Philipp es auf den Punkt: Der kommunalen Praxis ist die Architektur zweitrangig. Ob eine Lösung „so“ heißt oder „anders“ – entscheidend ist, ob sie wirkt.

Auch hier liefert der Koalitionsvertrag einen klaren Orientierungsrahmen: Verwaltungsleistungen sollen „medienbruchfrei und Ende-zu-Ende“ digitalisiert werden. Gleichzeitig soll es eine „zentrale digitale Bürgerplattform“ als Zugang zur digitalen Verwaltung geben.

Und weil das für Kommunen nur dann funktioniert, wenn Datenflüsse endlich einfacher werden, setzt der Vertrag das „Once-Only-Prinzip“ explizit als Standard: Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen sollen „ihre Daten nur einmal angeben müssen“.

Sein Wunschbild:

  • eine proaktive, gut erreichbare Ansprechpartner-Struktur für Kommunen,
  • weniger Selbstverwaltung von Strukturen, mehr Lieferfähigkeit und
  • Lösungen, die für sehr unterschiedliche Kommunalgrößen funktionieren (von Großstadt bis Kleinstkommune).

Baden-Württemberg ist kommunal extrem heterogen – und genau daran scheitert „one size fits all“ in der Realität oft.

KI in der Verwaltung: Sie ist längst da – schneller als jede Regelung

Und ja, ein Thema darf nicht fehlen: KI in der Verwaltung. Sie kommt oft schneller an, als es sich manche wünschen – schlicht, weil Mitarbeitende Tools nutzen, um Texte zu formulieren, Vorlagen zu erstellen oder sich zu strukturieren.

Der Koalitionsvertrag adressiert genau diese Stoßrichtung (wenn auch aus Sicht der Landesverwaltung) sehr offensiv: Mit „dem Einsatz Künstlicher Intelligenz“, der „Straffung von Verwaltungsabläufen“ und der „Digitalisierung staatlicher Dienstleistungen“ soll die Verwaltung leistungsfähiger werden.

Die Frage ist daher weniger „ob“, sondern:

  • Wie schaffen wir sichere, sinnvolle Leitplanken?
  • Wie machen wir aus individuellen Experimenten eine organisatorische Lernkurve?
  • Wie vermeiden wir, dass KI nur ein weiteres Tool bleibt – ohne Prozess- und Kulturveränderung?

Fazit: Kommunale Digitalisierung braucht Standards – und vor allem Umsetzungs-Power

Die Frohe Stunde mit Philipp Saar war genau das, was wir an diesem Format lieben: ein lebendiger Talk, viel kommunale Praxis und ein ehrlicher Blick auf das Spannungsfeld zwischen politischer Ambition und Umsetzung in Kommunen und Landkreisen.

Unsere wichtigsten Takeaways:

  • Der Koalitionsvertrag hat viele Impulse – aber entscheidend ist der Mehrwert in der Umsetzung.
  • Verwaltungsdigitalisierung ist vor allem Führung, Organisation und Change – nicht nur Technik.
  • Vereinheitlichung und gemeinsame Standards sind die einzige Chance, aus dem Föderalismus-Dickicht rauszukommen.