Der Bundesdigitalminister schreibt seine Reden mit KI. Die Presse ist empört. Wir finden das richtig so.
Wer heute noch keine KI nutzt, hat den Zug verpasst. Das gilt für Bundesminister genauso wie für OberbürgermeisterInnen oder BürgermeisterInnen kleiner Gemeinden. KI-gestützte Kommunikation ist kein Skandal – sie ist Realität. Und wer so tut, als wäre das eine Enthüllung, hat entweder die letzten zwei Jahre verschlafen oder sucht eine Schlagzeile.
Aber wie immer kommt es auf Maß und Mitte an. Denn die eigentliche Frage ist nicht, ob politische MandatsträgerInnen KI für ihre Kommunikation nutzen. Die Frage ist: Wie? Mit welchem Bewusstsein? Und mit welchen Konsequenzen – gerade dort, wo kommunale Kommunikation nicht nur Information transportiert, sondern Vertrauen schafft? Schauen wir also genauer hin. Und zwar auf die Ebene, die uns bei bächle & spree am nächsten ist: die kommunale Schauseite.
Kommunale Kommunikation als Schauseite
Mal ehrlich: Wer von uns hat noch nicht eine Rede, ein Grußwort oder einen Pressetext mit KI-Unterstützung aufgesetzt? Die Technologie ist da, sie ist zugänglich, und sie spart Zeit – zumindest auf den ersten Blick. Kein Wunder also, dass KI längst auf der Schauseite der Verwaltung angekommen ist: in Reden politischer MandatsträgerInnen, in Bürgermeister-Avataren auf der Stadtwebsite, in KI-generierten Pressemitteilungen und Social-Media-Posts.
Gerade im kommunalen Kontext ist das ein Thema, das wir bei bächle & spree immer häufiger erleben – und über das wir offen reden müssen. Denn die Frage ist nicht, ob KI in der kommunalen Außenkommunikation genutzt wird. Sie wird genutzt. Die Frage ist: Wie? Und: Was verlieren wir dabei, wenn wir nicht aufpassen?
Wenn die Rede nicht mehr von dir ist
Stell dir vor: Ein Bürgermeister hält eine Rede zur Eröffnung des neuen Stadtparks. Die Worte klingen gut, der Ton ist angemessen, die Struktur sitzt. Nur: Die Rede hat er nicht selbst geschrieben. Eine KI hat sie aufgesetzt – auf Basis früherer Reden, ein paar Stichpunkten und einem Prompt. Der Bürgermeister hat sie einmal überflogen, ein paar Sätze geändert, und dann vorgetragen.
Ist das ein Problem? Auf den ersten Blick: nein. Reden wurden schon immer von Mitarbeitenden vorbereitet, von Pressestellen formuliert, von Referent:innen geschliffen. Das ist kein Geheimnis.
Aber hier liegt ein entscheidender Unterschied, den wir uns bewusst machen müssen: Je mehr wir auf KI-gestützte Produkte zurückgreifen, desto weniger von uns selbst steckt darin. Die erste Rede, die wir selbst verfassen, trägt unsere Handschrift, unsere Gedanken, unsere Kreativität. Die zwanzigste KI-generierte Rede trägt vor allem eines: maschinell optimiertes Durchschnittswissen. Und das merkt man – auch wenn man es nicht sofort benennen kann.
Kommunale MandatsträgerInnen haben eine doppelte Funktion: Sie führen Verwaltung, und sie repräsentieren eine Stadt, eine Gemeinde, eine Gemeinschaft. Diese repräsentative Funktion lebt von Authentizität. Von dem Gefühl, dass da ein echter Mensch spricht – mit echten Überzeugungen, echter Geschichte, echter Haltung. Wenn das zunehmend durch KI-Durchschnitt ersetzt wird, verlieren wir genau das, was Kommunalpolitik von Unternehmenskommunikation unterscheidet: die menschliche Verbindung zur Gemeinschaft.
KI-Avatare: Zeitersparnis mit Nebenwirkungen
Ein Trend, der gerade für Furore sorgt: KI-Avatare von Bürgermeister:innen. Kurze Videobotschaften, in denen ein digitales Abbild der Verwaltungsspitze spricht – automatisiert, skalierbar, immer verfügbar.
Ja, das ist eine beeindruckende Zeitersparnis. Und ja, es gibt Anwendungsfälle, in denen das sinnvoll sein kann: Standardinformationen, Routinekommunikation, mehrsprachige Bürgeransprache.
Aber: Wie viel Glaubwürdigkeit, wie viel Wesen steckt eigentlich in so einem KI-Avatar? Und ist das wirklich die Botschaft, die eine Kommune senden möchte – dass die Verwaltungsspitze durch ein digitales Double ersetzbar ist?
Hier empfehlen wir einen bewussten Entscheidungsmoment: Wo wollen wir KI in unserer Außenkommunikation sichtbar einsetzen? Wo wollen wir sie im Hintergrund nutzen? Und wo ist die menschliche Präsenz schlicht unverzichtbar – weil sie Vertrauen schafft, das kein Algorithmus ersetzen kann?
Diese Entscheidung sollte nicht aus Bequemlichkeit getroffen werden, sondern aus Haltung.
Drei Prüfsteine für den KI-Einsatz in der kommunalen Außenkommunikation
Wir haben ein paar Prüfsteine entwickelt, die wir jedem empfehlen, bevor KI in der Außendarstellung zum Einsatz kommt:
1. Bewusstsein: Wie viel von dir steckt noch drin?
KI-generierte Kommunikation tendiert zur Mitte. Sie ist korrekt, gut strukturiert – und oft erschreckend austauschbar. Wer regelmäßig auf KI-Texte zurückgreift, ohne eigene Gedanken, eigene Sprache und eigene Haltung aktiv einzubringen, riskiert, dass die kommunale Stimme verblasst. Kreativität, Originalität, die Fähigkeit zur Selbstreflexion – das sind genau die Qualitäten, die uns Menschen im Vergleich zur KI noch stark machen. Wer sie nicht trainiert, verliert sie.
Prüffrage: Würde ich diese Rede, diesen Text, dieses Statement auch ohne KI so sagen – oder ist es die KI, die hier spricht?
2. Qualitätssicherung: KI halluziniert – auch in Reden
KI-generierte Produkte sind fehleranfällig. Das ist keine Schwäche, die in Kürze behoben wird – es ist eine strukturelle Eigenschaft aktueller Sprachmodelle. KI tendiert dazu, zu halluzinieren: Fakten zu erfinden, Quellen zu konstruieren, Zusammenhänge falsch darzustellen. In einer Pressemitteilung oder einer Bürgermeisterrede kann das peinlich werden. Im schlimmsten Fall wird es zum politischen Problem.
Das Wohlfahrtsversprechen der KI – „Ich nehme dir die Arbeit ab“ – ist also nur halb wahr. Wer KI-Texte nicht sorgfältig gegenliest, prüft und überarbeitet, spart kurzfristig Zeit und zahlt langfristig drauf. Gerade bei längeren Reden oder komplexen Inhalten ist der Prüfaufwand erheblich.
Prüffrage: Haben wir verlässliche Prozesse, um KI-generierte Inhalte auf Richtigkeit, Ton und Haltung zu prüfen – bevor sie öffentlich werden?
3. Werkzeuge: Lizenziert, datenschutzsicher, auf euch zugeschnitten
Viele Kommunen greifen für KI-Anwendungen auf kostenlose, lizenzoffene Tools zurück. Das ist verständlich – aber riskant. Erstens aus Datenschutzgründen: Vertrauliche Informationen, interne Abstimmungen, politisch sensible Inhalte haben in nicht-lizenzierten KI-Umgebungen nichts verloren. Zweitens aus Qualitätsgründen: Generische KI-Tools kennen eure Stadt nicht, eure Sprache nicht, eure Zielgruppen nicht.
Unsere klare Empfehlung: Baut euch eure qualitativen KI-Werkzeuge. Das bedeutet: Lizenzierte Tools, die datenschutzsicher sind. Wissensdatenbanken, die eure Sprache, eure Themen, eure Tonalität abbilden. KI-Assistenzsysteme, die mit Personas arbeiten – also mit simulierten Zielgruppen, die euch helfen, Kommunikation wirklich zielgruppengerecht zu gestalten. Und Agentensysteme, die wiederkehrende Aufgaben übernehmen, ohne dass ihr jedes Mal von vorne anfangen müsst.
Das klingt aufwendig. Ist es am Anfang auch. Aber es ist der Unterschied zwischen KI nutzen und KI mehrwerthaltig nutzen.
Die eigentliche Frage: Was soll KI auf der Schauseite leisten?
KI in der kommunalen Außenkommunikation ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Werkzeug – und wie jedes Werkzeug entfaltet sie ihren Wert nur dann, wenn man weiß, wofür man sie einsetzt.
Wenn KI dabei hilft, Grußworte schneller zu formulieren, Pressemitteilungen in mehrere Sprachen zu übersetzen oder Social-Media-Posts zu strukturieren – prima. Das sind legitime Anwendungsfälle, die Kapazitäten freisetzen für das, was wirklich zählt: echte Gespräche mit BürgerInnen, strategische Kommunikation, politische Haltung.
Wenn KI aber dazu führt, dass kommunale Kommunikation zunehmend generisch, austauschbar und menschenleer wird – dann kann es zu einem Problem werden. Nicht weil KI schlecht ist, sondern weil wir sie falsch einsetzen.
Und hier wird es grundsätzlich: Kommunale Kommunikation ist keine gewöhnliche Unternehmenskommunikation. Sie ist formelle Kommunikation des Staates. Sie ist – im besten Sinne – Demokratiekommunikation. Eine starke, authentische Stimme der Verwaltung symbolisiert auch eine starke Demokratie. BürgerInnen spüren, ob hinter den Worten ein echter Mensch steht, der für etwas einsteht. Oder ob da ein Algorithmus spricht, der für nichts einsteht.
Genau deshalb stellt sich die Frage mit besonderer Schärfe: Wie viel „stochastische Beliebigkeit“ verträgt eigentlich Demokratiekommunikation? KI-Sprachmodelle erzeugen statistisch wahrscheinliche Texte – gut formuliert, strukturell korrekt, inhaltlich glatt. Aber eben auch: ohne echte Überzeugung, ohne Risiko, ohne Haltung. Wie viel davon kann eine Demokratie vertragen, bevor das Vertrauen der BürgerInnen in ihre gewählten VertreterInnen erodiert? Das ist keine technische Frage. Das ist eine politische.
KI auf der Schauseite der Verwaltung ist dann sinnvoll, wenn sie die menschliche Stimme verstärkt – und dann gefährlich, wenn sie sie ersetzt. Denn kommunale Kommunikation ist Demokratiekommunikation. Und die braucht Authentizität.
Fazit: Schauseite mit Substanz
Kommunen stehen unter Druck: zu wenig Personal, zu viele Aufgaben, zu hohe Erwartungen an Kommunikation und Sichtbarkeit. KI kann hier echte Entlastung bringen – wenn sie klug eingesetzt wird.
Aber „klug“ bedeutet nicht „schnell“ oder „kostenlos“ oder „einfach mal ausprobieren“. Es bedeutet: bewusst entscheiden, wo KI eingesetzt wird. Qualitätssicherung ernst nehmen. Werkzeuge aufbauen, die wirklich zu eurer Kommune passen. Und vor allem: die menschliche Stimme nicht verkümmern lassen, weil die Maschine es bequemer macht.
Die Schauseite der Verwaltung ist das Gesicht einer Stadt nach außen. Dieses Gesicht sollte erkennbar sein – als das einer echten Gemeinschaft, geführt von echten Menschen, mit echten Überzeugungen.
KI darf das unterstützen. Ersetzen darf sie es nicht.
Neueste Kommentare