Wir müssen reden. Und zwar über ein Wort, das in keiner Diskussion über Mindset, Digitalisierung und Verwaltung fehlt, das aber gleichzeitig eines der folgenlosesten Versprechen der Verwaltungsmodernisierung ist: Mindset – „Wir müssen das Mindset ändern.“ Ich höre diesen Satz regelmäßig. Und jedes Mal stutze ich kurz. Lasst uns da mal reingehen.

Was ist eigentlich ein Mindset?

Mindset ist übersetzt „Denkweise“. Die Art und Weise, wie wir über die Welt nachdenken. Über alles Mögliche.

Stell dir vor: Du sitzt da, lässt den Tag sacken. Dann kommt jemand rein und fragt: „Was denkst du gerade?“ Je nachdem, wer fragt, fällt deine Antwort völlig anders aus. Dein Kind bekommt eine andere Antwort als deine beste Freundin. Und deine beste Freundin bekommt eine andere Antwort als dein Chef, der dich zufällig in der Kantine erwischt.

Warum eigentlich?

Naja, erstmal gilt – und da zitiere ich den alten Gassenhauer: Die Gedanken sind frei! Was in deinem Kopf passiert, gehört dir und nur dir alleine. Es gibt viele gute und ungute Gründe, wie dein Denken entsteht – und es obliegt dir alleine, ob du diese Gedanken teilen möchtest oder nicht. Das ist dein Privates. Jeder Versuch, dies aus dir herauszupressen, ist schlicht übergriffig.

Das Problem mit dem Mindset-Appell in der Verwaltung

Wenn jemand in der Kantine fragt, was du denkst, und dann sagt: „Nee, das musst du anders denken“ – was passiert dann?

Wahrscheinlich nickst du. Vielleicht sagst du: „Ja, da hast du Recht.“ Und dann gehst du zurück an deinen Schreibtisch und denkst genau das Gleiche wie vorher.

Das ist kein Widerstand. Das ist Menschsein.

Denn das Denken – die wirkliche Denkweise, tief drin – ist höchst privat. Es ist geprägt von Lebensgeschichte, Erfahrungen, Werten, manchmal auch von Enttäuschungen. Und das ist auch gut so. Diese Denkweise gehört den Menschen. Die lässt man besser in Ruhe.

Was wir eigentlich meinen, wenn wir über „Mindset ändern“ sprechen, ist etwas anderes: eine professionelle Haltung. Offenheit gegenüber Veränderung. Neugier auf KI in der Verwaltung. Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Das ist etwas fundamental anderes als das Denken – und es lässt sich auch anders beeinflussen.

bächle & spree Blogbeitrag Mindset und Haltung

Mindset oder Haltung? Was Führungskräfte wirklich ändern können

Jeden Morgen, wenn ihr durch die Rathaustür geht, betretet ihr eine Bühne. Nicht metaphorisch. Wirklich. Ihr legt eine Rolle an – die Organisationsrolle. Und alle anderen tun das auch. Die Sachbearbeiterin. Der Abteilungsleiter. Die neue Kollegin aus dem Digitalisierungsteam.

Was auf dieser Bühne gespielt wird, hängt nicht davon ab, was die einzelnen Schauspielerinnen und Schauspieler privat denken. Es hängt davon ab, was das Stück verlangt.

Im Theater ist das selbstverständlich: Wer in einem Requiem mitspielt, übernimmt eine ernste Rolle. Wer in einer Komödie steht, spielt leicht und frech. Niemand käme auf die Idee, die SchauspielerInnen zu bitten, ihre Weltüberzeugung oder ihre Religion zu ändern, damit das Stück besser wird. Man schreibt ein besseres Stück. Man inszeniert es klüger. Man gibt den Menschen auf der Bühne einen Rahmen, in dem ihre Rolle Sinn ergibt.

Genau das ist eure Aufgabe, wenn ihr Menschen in ihrer professionellen Haltung ein Angebot machen wollt.

Was bietet ihr für eine Bühne an?

Ist es ein Trauerspiel? Eine Groteske? Ein Drama, in dem alle wissen, dass es kein Happy End gibt?

Oder ist es ein Stück, das Innovation einfordert – nicht nur als Appell, sondern als echte Erwartung, die sich in Strukturen, Ressourcen und Vorbildverhalten niederschlägt?

Denn das ist der Unterschied, der alles ändert: Wenn eure Mitarbeitenden merken, dass Innovation nicht nur gefordert, sondern auch vorgelebt wird. Dass KI in der kommunalen Verwaltung nicht nur ein Buzzword in der Amtsleiterkonferenz ist, sondern dass es Werkzeuge gibt, Weiterbildung, Pilotprojekte, Fehlertoleranz. Dass jemand, der etwas Neues ausprobiert und scheitert, nicht bestraft, sondern gefragt wird: „Was hast du gelernt?“

Dann – und erst dann – passen sich die Rollen an. Nicht weil sich das Denken geändert hat. Sondern weil die Bühne eine andere Rolle verlangt. Und weil die Menschen auf dieser Bühne verstehen: Das hier ist der Tenor des Stücks. Das wird erwartet. Das wird eingefordert. Und das wird auch anerkannt.

Ihr wollt Innovation? Dann baut eine bessere Bühne.

Ihr könnt keine Denkweisen ändern – aber ihr könnt Bedingungen schaffen, unter denen andere Haltungen entstehen.

Und das ist die eigentliche Führungsaufgabe in der Digitalisierung. Nicht Appelle. Nicht Workshops, in denen Mindset beschworen wird wie ein Mantra. Sondern die ehrliche Frage: Was bieten wir als Organisation an? Welche Rolle macht unsere Bühne möglich? Und was passiert mit denen, die die falsche Rolle spielen – werden sie korrigiert, gefördert, oder einfach ignoriert?

Wer diese Fragen beantwortet, hat mehr für das „Mindset“ seiner Organisation getan als jeder Appell es je könnte. Lasst uns gemeinsam mehr inspirierende Bühnen bereitstellen als nur das „neue Denken“ einzufordern.