Wo ist die Strategie?!?

14.12.2018  |  Digitale Strategie. Spielt man Bullshit-Bingo ist die „digitale Strategie“ derzeit ein Jackpot. Ansonsten lässt sich derzeit kein Pokal gewinnen, wenn man in der Digitalisierung der Kommunen über die digitale Strategie spricht. Was meine ich damit? Die digitale Strategie ist derzeit meines Erachtens der am meisten unter Wert verwendete Begriff. Will die Kommune „im Trend“ sein, spricht man über die „digitale Strategie“, die man gerade entwickelt. Wenn IT-Anbieter oder Berater in den Kommunen Anker werfen wollen, steht die „digitale Strategie“ auf dem Roll-Up oder auf der PP-Folie. Und wenn die Politik die Kommunen auf den Pfad der Digitalisierung bringen möchte, dann ist das der „Pfad der digitalen Strategie“. Zeit, sich einmal Gedanken über den Begriff zu machen.

Bemüht man den Duden, so steht geschrieben:

„Strategie, die – genauer Plan des eigenen Vorgehens, der dazu dient, ein militärisches, politisches, psychologisches, wirtschaftliches o. ä. Ziel zu erreichen, und in dem man diejenigen Faktoren, die in die eigene Aktion hineinspielen könnten, von vornherein einzukalkulieren versucht“.

Und da fangen sie schon an die Wirrungen. Was ist eigentlich das Ziel? Meines Erachtens besteht das Ziel der Kommunen(!) darin, sich eine Plan zu erschließen, wie die Stadtverwaltung als federführende Instanz in enger Zusammenarbeit mit der Stadtgesellschaft, die Digitalisierung als nutzenstiftendes, partizipationsförderndes und bedarfsorientiertes Prinzip in die Verwaltung und in die Stadtgesellschaft hineinbringt. Es geht in die Initiierung und Aufstellung NICHT um Technologie, die ich in der derzeitigen Situation in der sich die Kommunen befinden, lediglich als Umsetzungshebel einordne. In einem Strategieprozess muss jede Kommune für sich IHR eigens Bild einer „digitalen Daseinsvorsorge“ zeichnen und welche Potenziale sich aus der Digitalisierung für die Kommune, für ihre Stadtentwicklung und ja, auch für ihre Wettbewerbsfähigkeit ergeben. Kommunen müssen sich vergegenwärtigen wie sie ihre Stadtverwaltung weiter entwickeln, ihre Organisation anpassen, wo sie Verantwortung übernehmen oder übergeben, wo sie Haftung ausschließen oder annehmen, wo sie Digitalisierung in Arbeitsteilung (in Kooperation mit anderen Kommunen) vorantreiben, wo Sie Ressourcen allokieren oder einsparen. Kurzum: es geht um eine große Weichenstellung. einen Überbau, ja auch eine Zukunftsvision. Nicht weniger.

Und das macht auch Sinn. Investiert man einmal die Zeit, Muße und auch das Quäntchen Budget in eine gut gemachte digitale Strategie mit einem ordentlichen Beteiligungsprozess, werden sich viele, viele Fragen, die sich im Verlauf des Digitalen Wandels der Kommune stellen rasch ableiten lassen. Oder anders: Wenn sie Kommunen einmal umfassend mit ihrer Rolle und ihrem Einfluss im Rahmen des OZG befasst haben, werden sie im Nachhinein bei vielen Prozessschritten schnell zu bestimmten Schlüssen kommen.

Eine digitale Strategie brauchen mittlerweile aber auch die vielen Partner der Kommunen oder die privatwirtschaftlichen Unternehmungen, die gerade ihr Vertriebsfeuerwerk abschießen. Erstere sind in Baden-Württemberg auf einem guten Weg. Dort wurden mittlerweile richtig schöne Bündnisse geschlossen und insbesondere der Städtetag BW treibt die Digitalisierung in vielen Facetten voran – und dies im Sinne der Kommunen, wohl wissend in welcher Situation sich diese befinden und welche Möglichkeiten sie haben. Nichtsdestotrotz sind auch bei diesen Maßnahmen erste Vorboten erkennbar, die erahnen lassen, dass eine digitale Strategie noch nicht wirklich ausgefeilt ist bzw. sich erst noch entwickeln muss. Das fängt beim Wording an und endet bei den Inhalten. Auch die Förderstrategie sorgt zumindest bei mir manchmal für Kopfschütteln. Mit den Digitallotsen ist ein wunderbares Projekt gestartet, aber auch hier muss noch sehr nachgearbeitet werden, wenn der Wissenstransfer nachhaltig sein soll (allein der Verteiler ist es nicht).

Die privatwirtschaftlichen Ambitionen einiger findiger Unternehmen bereiten mir zusehends Sorgen. Wenn die einmal von digitaler Strategie sprechen, ist das meist eine recht eigennützige Story. Mir ist klar, dass die Argumentation aus einer vertrieblichen Überlegung resultiert, aber auch hier gilt das Gebot der Stunde: nachhaltig, sollte es schon sein. „Stand-alone“-Lösungen, Angebote ohne entsprechend offene APIs (Schnittstellen), Offerten ohne vernünftige Einbettung in die kommunale IT-Infrastruktur sind keine Angebote oder Produkte, die dem Gedanken einer digitalen Strategie zugrunde liegen. Das sollte auch für quasi privatwirtschaftliche Unternehmen gelten.

PS: Stattdessen nur von „digitale Agenda“ zu sprechen, macht die Sache nicht besser : )