Technologiefolgenabschätzung

16.10.2018  |  Es gab mal eine Zeit, da war der Begriff der Technologiefolgenabschätzung (TA) en vogue. Das waren Zeiten, in denen sich die ersten Vorboten einer neuen technologischen Revolution anbahnten, Computer immer größer wurden und es für das menschliche Hirn immer weniger fassbar wurde was Technologie eigentlich bewirken kann – in soziologischer wie technologischer Hinsicht. Eng verknüpft mit diesem Begriff ist die Schlussfolgerung der TA in Form einer politischen Handlungsempfehlung. Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist beispielsweise eine der renommiertesten akademischen Institutionalisierungen der TA.

Ich denke in letzter Zeit sehr oft an diesen Begriff. Und ich lerne den Begriff wieder neu zu schätzen, nicht nur weil es einer dieser wunderschönen Wörter ist, die den Nagel einfach auf den Kopf treffen. In der aktuellen Situation der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung und des öffentlichen Raumes versinnbildlicht es nur zu schön auch eine Tatsache, der sich kommunale Entscheider gegenüber sehen: es gibt viel zu wenig Aussage, Information und Aufklärung, was es eigentlich langfristig bedeutet, digitale Technologie in die Kommune hineinzutragen. Ich kenne nur wenig TA, die zum Beispiel eine Aussage darüber trifft, welche Auswirkungen die Einführung der elektronischen Akte für eine Verwaltung mit 500 Menschen soziologisch und technologisch in 20 Jahren haben wird. Oder welche soziologische und rechtliche Dimensionen es in 15 Jahren haben kann flächendeckend LoRaWan-Funktechnologie zu verbauen. Und ich komme immer mehr zu dem Schluss, das dies ein Fehler ist. Es gibt viel Vermutung, aber wenig wissenschaftlich belastbare Untersuchungen.

Ich meine immer mehr, das könnte eine Fehler sein, weil dieser Gedanke nur zeigt, wie kurzfristig (und vielleicht daraus schlussfolgernd aktionistisch, weil nicht nachhaltig) die Zeithorizonte des Digitalen Wandels gefasst sind. Es könnte ein Fehler sein, weil wir dadurch verpassen die langfristigen Konsequenzen einer technologischen Zäsur abzubilden – sowohl die unguten, als aber vor allem auch die guten und überzeugenden. Es könnte ein Fehler sein, weil wir allenthalben über einen massiven kulturellen Wandel in der kommunalen öffentlichen Verwaltung, ja gar einen Paradigmenwechsel sprechen, aber keine konkrete Aussagen treffen können, was mit größtmöglicher Annahme zu erwarten ist, um entsprechende Maßnahmen schon frühzeitig planen zu können und prophylaktische Antworten auf die Bedenken zu haben.

Der digitale Wandel ist leider zu oft von einer angstauslösenden Komplexität geprägt. Indem Kommunen ihre digitale Strategie aufstellen können Sie sich bis zu einem gewissen Punkt für kommende Veränderungen wappnen – bis zu einem gewissen Punkt. Fehlen uns aber weiterhin verlässliche Informationen über Technologiefolgen, sind wir ab diesem Punkt sehr orientierungslos unterwegs. Es wäre eine Überlegung wert, ob wir nicht mehr Kräfte mit Blick auf eine TA bündeln. Ich bin mir unsicher, ob noch ein neues politisches Gremium oder noch eine neue Plattform die eigentliche Herausforderung des digitalen Wandels vor Ort in den Kommunen hilfreich ist (wenn man in die Kommunen hinhört ist es dies nicht). Ich bin mir aber relativ sicher, dass wir viel zu wenig wissenschaftlich fundierte Aussagen über die Auswirkungen der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung und der Stadtgesellschaft haben.