Social kommunal Media

08.10.2018 | Ministerpräsident Kretschmann hat in den letzten Tagen im Netz für etwas Furore gesorgt. Anlass war ein Zitat, dass der SWR kolportierte und wonach er auf der Hauptversammlung des Städtetages Baden-Württemberg gesagt hat, dass er sich den Neuen Medien nicht verweigere, aber diese seinem Team überlasse. Die gewonnene Zeit nutze er lieber, um zu Denken.

Die in den „Neuen Medien“ geführte Diskussion entzündete sich an zwei Punkten. Erstens: die „Neuen Medien“ sind nicht mehr neu, sondern nun auch schon einige Jahre alt. Zweitens: wie viel Wert misst er den Sozialen Medien bei und wie ernst nimmt er die Kommunikation, die dort stattfindet. Bemerkenswert fand ich, dass er für dieses Zitat ziemlich viel Applaus im Saal geerntet hat. Anwesend waren kommunale Delegierte (allen voran Bürgermeisterinnen) aus ganz Baden-Württemberg. Und das ist schwierig.

Derzeit wird der digitale Wandel in den Kommunen mehr als zögerlich angenommen . Es gibt große Unkenntnis über das was den Städten insbesondere den Stadtverwaltungen bevorsteht und viel Unsicherheit über den „richtigen Weg“. Allenthalben wird über digitale Strategie gesprochen, wobei sich viele erst einmal die Frage stellen sollten, was das überhaupt ist. Es ist in solch einer Diskussion wenig hilfreich, wenn der Ministerpräsident (und wenn auch nur den Eindruck) vermittelt, dass Soziale Medien und somit ein Grundpfeiler der Digitalisierung eine „neumodische“ Erscheinung sein und sich das „schon wieder einpendeln“ wird.

Angesichts aktueller Zahlen (Facebook: über 20 Mio. wöchentliche Nutzer, Whattsapp: 40 Mio. wöchentlichen Nutzer, Instagram: über 5 Mio. Nutzer wöchentlich, Snapchat: fast 4 Mio. wöchentliche Nutzer) und angesichts vieler Bürgerinnenbewegungen, die in sozialen Netzwerke eine immense und auch gefährliche Wirkung entfalten (s. Rodung Hambacher Forst, s. Chemnitz), könnte man einer solchen Aussage fast schon Naivität unterstellen.

Im kommenden Jahr sind Kommunalwahlen in Baden-Württemberg. Das könnte ein „Lackmustest“ für den Digitalisierungsgrad der Parteien in den Städten werden. Wir haben eine brandgefährliche Tendenz populistischer und antidemokratischer Gruppierungen und Sammlungsbewegungen, die sich (hört hört) insbesondere in den sozialen Medien „austoben“. Jeden Tag gehen besorgniserregende Emails und Tweets viral durch die Sozialen Medien. Und es gehört zur Wahrheit, dass das Internet und dort immer mehr in Sozialen Medien stattfindenden Kommunikation Teil der Lebenswelt und Meinungsbildung vieler Menschen ist.

Ich halte es für eine immens wichtige Aufgabe, die Kommunen und ihre Stadtverwaltungen sowie demokratische Parteien im Rahmen des Kommunalwahlkampfes darauf hinzuweisen und sie in ihrer „digitalen Rolle“ zu fördern und zu stärken. Das beginnt bei der Medienkompetenz und endet bei Online-Campaigning – und zwar auch und gerade im kommunalen Bereich. Und eigentlich bin ich mir fast sicher, dass der Ministerpräsident dieses eine Zitat nicht ganz durchdacht hatte.