Öffentliche Gestaltung

19.7.2019 | Menschen haben einen großen Einfluss auf unser Verhalten. Man schreibt uns Dinge zu, die wir mal mehr, mal weniger annehmen. Umso mehr Menschen mir sagen, dass ich ein toller Mensch bin, umso mehr nehme ich das an (ohne Zweifel steht noch die eigene Reflexion dazwischen, die aber mit der Anzahl mir gegenläufig zuschreibender Menschen und dem Vertrauen in diese Menschen immer mehr bröckelt). Das kann auch zu handfesten Konflikten führen. Ich kann noch sehr überzeugt sein, dass ich der beste Koch in meinem Freundeskreis bin – wenn die mir zuschreiben, dass ich es nicht bin, werde ich irgendwann Zweifel haben und im schlechtesten Fall deren Meinung annehmen. Die Frage, ob ich objektiv tatsächlich der beste Koch bin, spielt leider (zu oft) eine untergeordnete Rolle.

Schwierig ist auch die Situation in der Menschen bereits eine fest zugeschriebene Rolle innehaben, die sie vielleicht sogar positiv annehmen, sich die Merkmale ihres Handels ändern, sodass die gemeinschaftlich festgelegte Rolle unter Umständen nicht mehr passend ist. Zum Beispiel die Verwaltung. Der Weg ist vorgezeichnet: schon bald werden auch Prozesse der Verwaltung dem Trend unserer Zeit erliegen – der Automatisierung. Das gilt natürlich nur für Prozesse, die automatisierbar sind. Verwaltungsprozesse, die auf Gesetzen und Verordnungen basieren (also ja/nein-Entscheidungen) sind nicht anderes als ein binäres System (0/1). Dergestalt lassen Sie sich relativ simpel automatisieren bzw. digitalisieren. (An dieser Stelle kam folgerichtig eine Anmerkungen zum Ermessen. Dies ist nicht ohne Weiteres automatisierbar, gehört also zunächst in den gestaltenden Bereich). Und das ist eine große CHANCE für Verwaltungen, denn so werden die MitarbeiterInnen der Verwaltung viel mehr Zeit für spannende Aufgaben haben – nämlich Aufgaben die Kreativität und Innovation erfordern oder anders Aufgaben die Menschen erfordern. Ich bin überzeugt, dass dies auch der Wesenskern der Verwaltung in absehbarer Zeit sein wird.

Kreative und innovative Aufgaben sind GESTALTENDE Aufgaben. Es sind Aufgaben, die nicht automatisierbar sind und für die die Digitalisierung nicht mehr als nur ein Werkzeug sein kann, das wohlüberlegt eingesetzt wird. Wenn wir über gestaltende Aufgaben reden, dann meinen wir nicht mehr die klassische Verwaltungsfunktion, dann bewegen wir uns in einem anderen Handlungsfeld, der sozialen Dimension oder auch der sozialen Daseinsvorsorge. Konkret ist das eine Stadtentwicklung, die auf Gemeinschaft beruht, auf eine Weiterentwicklung der Stadtgemeinschaft und -gesellschaft, auf sozialer Interaktion, auf persönlichen Beziehung auf Empathie.

Und da kommen wir zum Knackpunkt: Verwaltung und gestaltendes Handeln sind im gegenwärtigen Rollensystem ein Widerspruch. Wenn wir also überkommen, dass der oben gezeichnete Weg nicht nur ein Trend, sondern gar ein Ziel ist, sollten wir, um der Zuschreibung gerecht zu werden, darüber nachdenken, die öffentliche Verwaltung künftig ÖFFENTLICHE GESTALTUNG zu nennen. Lasst uns darüber diskutieren!